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武道憲章 – BUDŌ KENSHŌ
Die Budō-Charta

 

Budō als Teil der traditionellen Kultur Japans wurzelt in den kriegerischen Tugenden des alten Japan und entwickelte sich im Laufe seiner langen Geschichte unter Einfluss gesellschaftlicher Wandlungsprozesse von der reinen Kampftechnik des Bujutsu zu einem Weg der Charakterschulung (Budō). Basierend auf der Lehre der Einheit von Geist und Technik entwickelte sich Budō zu einem Weg der Charakterschulung, welcher auf Einhaltung von Etikette und Umgangsformen, Verfeinerung der Technik, Stärkung des Körpers und Schulung des Mutes abzielt. Diese traditionellen Werte des Budō haben sich bis heute erhalten und spielen in der Persönlichkeitsbildung der modernen Japaner nach wie vor eine nicht zu unterschätzende Rolle als immerwährende Quelle von Energie und Lebenskraft.

Infolge seiner zunehmenden internationalen Verbreitung erfreut sich Budō heute auch außerhalb Japans großen Interesses. Gerade deshalb ist es von elementarer Bedeutung die traditionellen Werte des Budō zu bewahren und einer einseitigen Ausrichtung auf Verbesserung der technische Fertigkeiten oder Wettkampferfolge entgegen zu steuern. In diesem Sinne müssen die Übenden beständig reflektierend darum ringen Budō als traditionelles Kulturgut zu bewahren und zu verbreiten, ohne sich dabei von seiner Essenz zu entfernen.

In der Hoffnung, dass dies zu einer fruchtbaren weiteren Entwicklung beitragen möge, geben wir mit dieser Budō-Charta die grundlegenden Richtlinien vor.

Artikel 1 Ziel

Das Ziel des Budō besteht darin durch beständige Übung der Kampftechniken Körper und Geist zu schulen, den Charakter zu veredeln, die Urteilskraft zu schärfen und dadurch Menschen zu formen, die zum Wohle der Gesellschaft beitragen können.

 

Artikel 2 Übung

Das Üben der Kampfkünste verlangt von den Praktizierenden von Anfang bis Ende das Einhalten der Etikette und betont die ständige Wiederholung der Grundlagen. Die Übung beschränkt sich jedoch nicht auf den bloßen Erwerb technischer Fertigkeiten, sondern zielt vielmehr darauf die vollkommene Einheit von Geist, Technik und Körper (Shin Gi Tai) anzustreben.

 

Artikel 3 Wettkampf

Im Wettkampf in Form von sportlichem Zweikampf (Shiai) sowie der Vorführung von Techniken in festgelegter Bewegungsmustern (Kata) muss der Übende stets den Geist des Budō bewahren und ungeachtet von Sieg und Niederlage nach Perfektion streben. Gerade im Wettkampf sollte stets eine angemessene Haltung bewahrt werden, die ihren Ausdruck in Bescheidenheit im Sieg und Gelassenheit in der Niederlage findet.

Artikel 4 Übungshalle

Die Übungshalle (Dōjō) ist ein Ort der geistigen und körperlichen Schulung, an dem die Praktizierenden Regeln und Etikette bewahren und achten und sich im gemeinsamen Miteinander stets um ein ruhiges, sauberes und sicheres Übungsumfeld bemühen.

 

Artikel 5 Lehre

Der Lehrer soll die Schüler zur stetigen Entwicklung ihres Persönlichkeit anhalten, sie bei der Schulung von Körper und Geist unterstützen und durch beständiges Üben und Bemühen sein Verständnis der fundamentalen technischen Prinzipien des Budō erweitern. Im Unterricht sollte der Lehrer jede einseitige Ausrichtung auf Wettkampf oder technische Fertigkeiten vermeiden. Weiterhin liegt die wesentliche Aufgabe und Verantwortung des Lehrers darin, jederzeit ein Vorbild für die Übenden darzustellen.

 

Artikel 6 Verbreitung

Lehrende sollen unter Bewahrung der traditionellen Besonderheiten des Budō jederzeit einen für Neuerungen offenen Standpunkt einnehmen, den Fortschritt in Lehre und Forschung vorantreiben und in jeder Weise zur internationalen Verbreitung des Budō beitragen.

Die ursprüngliche Fassung dieses Textes wurde durch den Japanischen Dachverband für Moderne Japanische Kampfkünste (Nihon Budō Kyōgikai) am 23.04.1987 verabschiedet. Die vorliegende Übersetzung orientiert sich an einer von der Nippon Budōkan Foundation und dem Nihon Budō Kyōgikai anlässlich der Demonstration japanischer Kampfkünste am 10. November 2019 in Wien im Rahmen der Feierlichkeiten zum 150-jährigen Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Japan und Österreich herausgegebenen Broschüre.

JJUJUTSU